Hinter dem Horizont gehts weiter

11.2015 - Auf der ALPA Seite etwas zur Macht der Photographie zu schreiben, hiesse “Eulen nach Athen” zu tragen. Doch auch wir bei ALPA sind immer wieder aufs Neue beeindruckt von der Kraft der Bilder.

Eine der faszinierendsten Unternehmungen, die wir von ALPA in letzter Zeit materiell und ideell unterstützen durften, ist das „Line-of-Sight“-Projekt des deutschen Photographen Michael Korte. Quasi auf den Spuren von Jules Vernes reiste er 80 Tage mit einer ALPA 12 SWA um die Welt, um Wände visuell zu durchbrechen und den Blick des Betrachters in die Ferne weit hinter den Horizont zu lenken. Seine Rauminstallation eröffnet damit im wahrsten Sinne ganz neue Welten für die Gäste des Bergmann Boardinghouse Osnarbrück, wo seine Bilder zu sehen sein werden.

Michael Korte belegt extrem eindrucksvoll, dass sich Landschaftsphotographie auf qualitativ hohem Niveau auch mit einem leichten, robusten und sehr reisetauglichen Setup (in diesem Fall bestehend aus ALPA 12 SWA, HR ALPAR 4.5/35mm, Phase One P45+) verwirklichen lässt. Doch genug der Einführung: Erfahren Sie vom Photographen selbst, wie er in Rekordzeit dieses Mammutprojekt stemmte und welche Widrigkeiten er dabei überwunden hat.

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Ausgewählte Bilder finden Sie auch in der Gallerie „Line of Sight“ hier auf unserer ALPA Website.
Portfolio: Line of Sight
Fotograf: Michael Korte
Projekt Website: Line of Sight

Eine Weltreise mit der ALPA 12 SWA / dem Rodenstock HR Alpar 4.0/35mm und dem PhaseOne P45+ Rückteil
von Michael Korte

Für die Rauminstallation „Line of Sight“ erhielt ich den Auftrag, in drei Monaten durch acht Länder über fünf Kontinente zu reisen, um Landschaftsaufnahmen auf festgelegten Raumachsen zu fotografieren.

Da ich alleine, ohne Assistent die Reise unternahm, konnte ich nur ca. 30 Kg an Gepäck mitnehmen: Zelt, Schlafsack, Kocher, Kleidung für alle Klimazonen und eine kompakte Kamera, deren Bilder für die Installation bis auf vier Meter vergrössert werden sollten. Ausserdem war absehbar, dass diese Kamera ziemlich viel aushalten musste! Die geplante Reiseroute verlief durch Patagonien (-20 Grad, Schneestürme) die USA (+40 Grad), französisch Polynesien (auf einem Atoll), Neuseeland (+ 15 bis -15 Grad), über japanische Inseln (subtropisches Klima, Luftfeuchtigkeit 95 %), durch die Mongolei (Staub und heftige Gewitter), Ägypten (+60 Grad, Sandstürme) und Äthiopien (2000m bis 4500m Höhe). Aus diesem Grund durfte die Kamera auch nur sehr wenig elektronische Teile haben, da absehbar war, dass diese irgendwann ausfallen würden, sehr wahrscheinlich gerade in Gegenden, wo es keinen Service geben würde. Wenn etwas passieren sollte, musste ich zumindest die Chance haben, sie wieder reparieren zu können. Diese Reise, zusätzlich zu den Hochgebirgs- und Wüstenwanderungen setzte auch eine spezielle fotografische Technik voraus: die des „Landschafts-Snapshot-Shootings“. Ich brauchte also eine Kamera, die in der Dämmerung mit einer 1/15 Sek noch vibrationsfrei auslösen konnte, da ich für die Motive zu wenig Zeit haben würde, mit einem Stativ zu arbeiten. Ich machte die Reise mit einer ALPA 12 SWA, bestückt mit einem Rodenstock HR Alpar 4.0/35mm und einem PhaseOne 45+ Rückteil. Die Schilderung eines Tages vermag einen Eindruck von den Herausforderungen eines solchen Projektes geben.

Aus meinem Tagebuch:
DATUM: 15.07.2015
UHRZEIT: 2:06 Uhr
ORT: Neuseeland/Nelson
DISTANZ: ganz weit weg von einer Werkstatt
ZUSTAND: ziemlich in Panik

„Ich sah nur etwas Graues auf mich zu schiessen und geistesgegenwärtig setzte ich beide Wanderstöcke seitlich vor mein rechtes Bein, das dem grauen Etwas zugewandt war. Gleichzeitig versuchte ich mich durch einen Sprung auf ein trockenes Stück Koralle in Sicherheit zu bringen. Mit dem 30 Kg Rucksack auf dem Rücken gar nicht so einfach. Ich landete seitlich auf den Korallen und rollte auf den Rucksack, in dem meine ALPA verstaut war. Ich schaute zurück und sah einen etwa 1 m langen Schwarzspitzen-Riffhai. Ausser Schrammen am Oberkörper und an den Beinen durch die Korallen, die allerdings bis heute noch wehtun: „Glück gehabt, nichts passiert“ meinte ich. Als ich meine ALPA auspackte, um eine Abendstimmung zu fotografieren, hatte ich zwei Teile in der Hand: das PhaseOne Back war durch den Sturz auf die Korallen vom Gehäuse abgerissen. Der GAU! Meine Hauptkamera Schrott! Dies passierte am letzten Abend auf Tahanea. Ich hatte wenig Zeit, mir die Kamera genau anzusehen, da ich am selben Abend weiter nach Neuseeland musste.
Nach der Ankunft in Neuseeland musste ich direkt von Auckland nach Nelson weiterfliegen und hatte somit wenig Aussichten, die Kamera vor Ort reparieren zu lassen. Sofern das überhaupt möglich gewesen wäre. Das Gehäuse der ALPA und das Rodenstock Objektiv hatten „nichts abbekommen“, allerdings war das PhaseOne Back von dem Flansch abgerissen, welches das Rückteil mit dem ALPA Backadapter verband. Es ist normalerweise oben durch einen Schnappmechanismus und unten durch eine U-Schiene verbunden. Oben war jetzt die Verschlussöffnung verbogen, unten die Halterung der U-Schiene herausgerissen, die durch zwei kleine Schrauben fixiert war. Eine dieser sehr kleinen, speziellen Schrauben fehlte. Das Gute: da die ALPA keine elektronischen Verbindungen, ausser einem externen Kabel zum Auslösen des Digital-Backs benötigt, waren die Schäden „nur“ mechanisch an der Befestigung des PhaseOne Backs aufgetreten. Allerdings waren die mechanischen Teile, die jetzt verbogen waren, vorher bei ALPA in Zürich auf 1/100 mm von den Ingenieuren ausgemessen und justiert worden. Und ich hatte als „Feinwerkzeug“ nur mein Leatherman dabei. Nachdem ich alle Teile mehr oder weniger wieder ausgerichtet hatte, fehlte aber eben diese kleine Schraube. Ich brauchte drei Tage, bis mir ein Computergeschäft in Blenheim sie mir aus Auckland einfliegen lies. Blöd: der Kopf der Schraube war zu hoch, so dass ich das Back nicht plan an das Gehäuse anbringen konnte. Nach langer Suche fand ich in Richmund ein Hobby- Bastelgeschäft, welches mir den Schraubenkopf abfeilte. Während der ganzen Bastelei waren von den hilfsbereiten Menschen aber einige Fingerprints auf den Sensor gekommen.
Es gab zwar ein Fotogeschäft in Nelson, welches Mittel zur Sensorreinigung hatte. Nur war es das Verkehrte für das PhaseOne Back, wie ich feststellte. Nachdem ich versuchte, den Sensor mit der Reinigungsflüssigkeit zu reinigen, bildeten sich Schlieren die so heftig waren, dass ich befürchtete, das Schutzglas nicht mehr streifenrei zu bekommen. PANIK! Ich suchte nachts im Internet nach Lösungen. Irgendwo fand ich eine Reinigungsbeschreibung mit Isopropanol und destillierten Wasser und da ich nichts mehr zu verlieren hatte, besorgte ich mir die Sachen am nächsten Tag in der Apotheke und probierte sie aus. Als Test, erst einmal auf dem Glas meines iPads. Gegen Fingerprints puren Alkohol (Isopropanol) und gegen kleine, durch Verunreinigung des Alkohol entstehende Verdunstungsflecke, destilliertes Wasser in homöopathischer Dosis. Falls das jetzt auf dem Sensor „schief“ ging, konnte ich meine Sachen packen und die Reise abbrechen. But………it worked! Das Einzige, was ich jetzt noch beheben musste, war die nicht mehr korrekte Position des Anschlags auf Unendliche der ALPA mit dem PhaseOne Rückteil, entstanden durch meine grobe Anpassung des Rückteils an das Gehäuse. Ich machte eine Testreihe von Bildern, wobei ich den Fokuspunkt, der ablesbar an den Entfernungsstrichen an dem Objektiv ist, nach vorne verstellte. Ich fand heraus, dass nun „Unendlich“ ca. auf der 6 m Marke am Objektiv lag. Dank der feinen Entfernungsskala des ALPA HPF Ringes war dies perfekt abzulesen und einzustellen. Da ich für meine Landschaftsfotografie eigentlich immer auf Unendlich scharf stelle, alles wieder gut! Letztendlich doch Glück gehabt!“

Geodätische Linien Nikolaiort, Deutschland und Zielpositionen in Papua-Neuguinea:
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Rauminstallation im Bergmann Boardinghouse, Treppenhaus:
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